Ein Gespräch mit Karena Schuessler
geführt von Claudia Cosmo
Claudia Cosmo (CC):
Frau Schuessler, Designobjekte wie Möbel und Einrichtungsgegenstände umgeben
die Menschen und haben einen Einfluss auf deren Leben. Würden Sie zustimmen,
dass man eine Art von Beziehung zu den jewei-
ligen Objekten aufbaut?
Karena Schuessler (KS):
Oh ja, auf jeden Fall. Das spielt schon bei der Auswahl, ob es zum Kauf kommt,
eine große Rolle. Jedes Designobjekt sollte nicht nur seine Funktion erfüllen,
sondern interessant oder auch nur schlicht und schön aus-
sehen. Sogar meine Papierkörbe sind ein Entwurf von Ettore Sottsass, den er für
Olivetti machte. Ich besitze auch zwei Nashornköpfe, die aus Holz geschlagen
wurden. Niemand weiß wo, wann oder von wem sie hergestellt wurden. Ich nenne
sie „ meine Wächter “ , und Sie werden es kaum glauben, oft sage ich ihnen guten
Tag oder auf Wiedersehen.
CC: Haben Sie in Ihrem privaten Umfeld zur Zeit ein Design- Möbel oder ein Objekt,
zu dem sie eine be-
sondere Beziehung haben?
KS: Ja, zu meiner „ Potence“. Das ist eine Lampe von Jean
Prouvé, die er in den 50er Jahren für das Air France Gebäude in Brazzaville im
Kongo entwarf. Sie begleitet mich seit Jah-
ren.
CC: Wie sind Sie zum Design ge-
stoßen?
KS: Das geschah mit dem Kauf dieser Lampe von Prouvé. Sie war eine mei-
ner ersten, ernsthaften Käufe. Ich be-
merkte ein Plakat einer Galerie. Darauf waren Abbildungen von doch sehr puristischen,
industriellen, aber meiner Meinung nach attraktiven Möbeln zu sehen. Möbel von
Jean Prouvé. Der damalige Trend lag aber bei formschönen Möbeln wie zum Beispiel
von André Dubreuil, Ga-
rouste & Bonetti und ersten Ent-
würfen von Tom Dixon.
Mein Umfeld verstand meine eigen-
willige, neue Vorliebe nicht.
Die Galerie lieh mir freundlicher-
weise einige Stücke für Veranstalt-
ungen aus. Meine Lieblingswerke konnte ich im Nachhinein erwerben und ich fing
an, leidenschaftlich zu sammeln. Das war in Paris 1994.
CC: Nun möchten Sie durch Ihre eigene Galerie
auch anderen Men-
schen Design näher bringen und präsentieren in Ihren Räumlichkeiten Einrichtungsgegenstände
von unter-
schiedlichen Designern.
Da wären die modernen Klassiker wie Le Corbusier, die Sie Shootingstars wie Max
Lamb gegenüberstellen.
Was haben alle Ihre gezeigten De-
signer gemeinsam? Und was hat Sie zu dieser Zusammenstellung bewo-
gen?
KS: Letztendlich weisen sich alle Designer durch ihre Originalität
aus. Und mich fasziniert die Gegenüber-
stellung deren Besonderheiten, die man in ihren jeweiligen Werken ent-
decken kann.
CC: Da wäre zum Beispiel auch Andreas Grahl, der wie andere Ihrer repräsentierten
Designer aus dem Bereich der bildenden Kunst kommt. Grahl ist gelernter Fotograf
und studierte an der renommierten Hoch-
schule für Grafik und Buchkunst HGB in Leipzig. Nun arbeitet er auch als Bildhauer
und ist mit Objekten in Ihrer Galerie vertreten.
Heißt dies, Design und Kunst sind für Sie untrennbar miteinander ver-
woben?
KS: Ja, in meiner Galerie werden die beiden Aspekte miteinander
ver-
woben. Das ist ja das spannende, dass ich mit Designern, Künstlern oder Architekten
zusammenarbeite, die sich der Aufgabe stellen, ein funktio-
nales Kunstwerk zu erschaffen. Sie haben verschiedene Ausbildungen absolviert
und bringen dementsprech-
ende Vorgehens- und Denkweisen als Rüstzeug mit. Natürlich entstehen dadurch
sehr unterschiedliche Resul-
tate, die den Betrachter immer wieder fragen lässt: Ist es eigentlich Design
oder Kunst?
CC: Es ist bereits im Namen Ihrer Galerie zu lesen: `Karena Schuessler Gallery
Contemporary Design /Art`. Auch dort vereint sich der Design- mit dem Kunstbegriff.
Mag es für manchen nicht sehr kühn klingen, die beiden Bereiche in einem Wort
wie Design / Art zu vereinen?
KS: Nein nicht mehr. Design / Art ist mittlerweile
zu einer festen Bezeich-
nung geworden. In diesem Zusam-
menhang agierten damals Philippe Jousse und Patrick Seguin kühn und zum Glück
erfolgreich. Sie waren nicht nur die freundlichen Galeristen, die mir die besagten
Möbel von Jean Prouvé ausliehen und verkauften. Sie waren auch die ersten, die
es schaf-
ften, diese Möbel auf der berühmten Kunstmesse in Paris auszustellen.
Danach begann man in London ernst-
haft damit, Design zu präsentieren. Heute geschieht dies sehr erfolgreich auch
bei der Kunstmesse Art Basel / Miami Beach. Dort wird das Design in einer Sonderschau
parallel präsen-
tiert.
So kamen und kommen sich Design und Art immer näher. Man liest und spricht heute
völlig selbstverständlich über Design / Art.
CC: Was steckt hinter dem Begriff Design / Art? Man könnte durch
diesen Begriff schließlich vermuten, dass das Wort `Art`, also
Kunst, das Wort `Design` inhaltlich aufwerten soll!
KS: Von dem Wunsch des Aufwer-
tens sollte nicht die Rede sein. Es handelt sich nicht um den Entwurf eines funktionalen
Gegenstandes, der für die Massenproduktion bestimmt ist. Das hätte natürlich
nichts mit Kunst zu tun. Design / Art sind Uni-
kate sowie Small Limited Editions, vielleicht auch erste Prototypen. Es handelt
sich um Werke, die von Createuren erdacht und oft von ihnen selbst ausgeführt
worden sind. In ihren Werken lösen sie Form, Farbe, Material und Größe aus ihrem
eigent-
lichen Kontext heraus und heben somit ihre Designidee auf eine neue Ebene.
Man sollte immer den kreativen Aspekt im Auge behalten, nur hier haben die Werke
halt eine Funktion.
CC: Sind Sie durch die Eröffnung Ihrer Räumlichkeiten die einzige
Berliner Galeristin, die sich dem Kunstaspekt im Design widmet?
KS: Da ich mich als Galeristin rein formal
auf Contemporary Design / Art konzentriere, bin ich wohl auf
diesem Gebiet in Berlin die einzige, ja!
Es gibt allerdings vereinzelte Kunst-
galerien, die ein oder zwei Design / Art- Künstler in ihrem Programm aufgenommen
haben.
CC: Wie verhält sich der eigens für die Galerie geschaffene
Raum kom-
positorisch zu den exponierten Objekten und Möbeln?
KS: Die Galerie hat einen faszinie-
renden Grundriss. Es sind sechs auf-
einander folgende Räume. Wenn man durch das Schaufenster schaut,
hat man eine Sichtflucht von 37 Metern! Die Galerie befindet
sich in einem wunderschönen Altbau. Die Räume haben eine Deckenhöhe
von vier Metern und sind teilweise mit Stuck und Parkett ausgestattet.
Sie bieten den Werken genügend Raum zur Entfaltung.
CC:
Kunst, um es einmal romanti-
sierend- pathetisch auszudrücken, hat im günstigsten Fall eine Sogwirkung und
verweist in Richtung Ewigkeit.
Kann Design diesem Anspruch auch gerecht werden?
KS: Auf jeden Fall!
CC: Verfolgen Sie mit Ihrem Galerie- Konzept, das Kunst als integrativen Bestandteil
von Design versteht, eine Art Sendungsbewusstsein? Möchten Sie dieses Bewusstsein
durch Ihre Arbeit tiefer in den Köpfen der Men-
schen verankern?
KS: Natürlich! Indem man sie aus-
stellt, verkauft, bewirbt und bespricht,
leistet man per se schon eine Aufklär-
ungsarbeit. Aber wir sprechen hier über eine Bewegung, die völlig natür-
lich eingesetzt hat. Zunächst begann man irgendwann damit, Möbel
in hohen Stückzahlen für jedermann zu bauen, die einfach und
schnell zu fertigen waren. Heute verlangen Menschen das genaue
Gegenteil! Denn sie werden mit solchen Massen-
produkten regelrecht überschüttet und fordern wieder Originalität, Wertiges und
Besonderes.
Das reicht bis zu handgefertigten Einzelstücken. Die Kommerzialität tritt in
den Hintergrund und gibt Künstlern neuen Raum. Eine Beweg-
ung die viel Zukunft hat. Sie ist Zeit-
geist.
CC: Haben Sie innerhalb Ihrer Gale-
rietätigkeit eine spezielle Klientel vor Augen?
KS: Freundliche Menschen, die den
Wert der Werke zu schätzen wissen.
CC: Was gehört zu Ihren
persön-
lichen Highlights Ihres Bestandes?
KS: Ich habe alle Werke mit sehr viel Liebe ausgesucht und
keinen Auf-
wand gescheut, sie nach Berlin zu holen. Jeden Künstler habe ich in seinem Atelier,
in seinem Land be-
sucht, um die Werke „in natura“ zu bewundern und ihre Künstler kennen-
zulernen.
Besonders ist der „freche“ `Chest of drawers´ von Tejo Remy. Eine wun-
derbare neue Konzeptidee, mit einer besonders charmanten Ausführung. Mit wie
viel Enthusiasmus Tejo die alten Schubladen jeweils zusammen-
stellt hat und durch diesen wunder-
schönen alten Lastengurt halten lässt.
Natürlich bewundere ich auch sehr die junge Holländerin Judith van den Boom.
Sie ist eine dynamische, aben-
teuerlustige Frau. Ihren Mut, mit Porzellan großformatig umzugehen und eigenhändig
daraus Möbel zu gestalten, finde ich großartig.
Aber wenn Sie mich so fragen, das Werk von Max Lamb stelle ich nur schweren Herzens
in die Galerie zum Verkauf.